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Autor Thema: Epipactis palustris - eine Pflanze der Kalkflachmoore im sauren Bürstlingsrasen  (Gelesen 429 mal)


Online Muralis

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Ich war gestern bei einer der letzten schönen Bürstlingswiesen im Waldviertel - vielleicht ist es die schönste überhaupt.
Früher wurde die Wiese 2x gemäht, aber in den aktuellen Förderschienen ist das gar nicht mehr vorgesehen, weil die Wiesen eh nur mehr wegen der Förderung gemäht werden und mehr als 1x im Jahr macht das ein Bauer nicht.

Das Problem dabei ist, dass dadurch überall Zitterpappeln keimen, also wenn die Mahd einmal ausbliebe, hätte man sofort ein Problem. Aber es gibt eine Pflanze, der das passt - Epipactis palustris. Die blüht sehr spät  und daher kann sie nur dort vorkommen, wo entweder gar nicht gemäht wird oder 1x spät im Jahr. Wie man weiß, ist es im Prinzip eine Pflanze der Kalkflachmoore. Also in Mooren über saurem Gestein braucht man eigentlich gar nicht danach suchen. Es gibt aber eine alte Angabe aus dem Waldviertel "vom Ostrong". Und seit einigen Jahren gibt es dort 2 konkrete Fundstellen, beide von mir entdeckt  ;-)

Also in der genannten Wiese habe ich vor vll. 5 Jahren die ersten Exemplare gesehen, seither sind es langsam mehr geworden. Gestern waren es genau 25, auch, weil noch ein paar neue Stellen dazukamen, die ich bisher wahrscheinlich übersehen hatte.
« Letzte Änderung: 05.Jul.20 um 22:59 Uhr von Muralis »


Offline Uhu

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Eine tolle Wiese :thumb Wäre schade wenn die Mahd ausbleiben würde. Die Zunahme trotz der vergangenen trockenen Sommer ist ein schöner Erfolg.

Ist das auf dem 1. Bild ein Ziest neben der Epipactis? Der braucht wahrscheinliche auch etwas Basen im Untergrund. Bei mir sind im sauren Bereich es Vorgartens dieses Jahr 2 Epipactis palustris gekeimt und zu kleinen Pulks herangewachsen. Ganz so basenabhängig scheint die Art gar nicht zu sein.

Was blüht da so blau auf dem Übersichtsbild?
Grüße Jürgen


Online Berthold

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Wie man weiß, ist es im Prinzip eine Pflanze der Kalkflachmoore. Also in Mooren über saurem Gestein braucht man eigentlich gar nicht danach suchen. Es gibt aber eine alte Angabe aus dem Waldviertel "vom Ostrong". Und seit einigen Jahren gibt es dort 2 konkrete Fundstellen, beide von mir entdeckt  ;-)


Vielleicht hat sich ein neuer Keimpilz für Epipactis palustris entwickelt, der gern auf leicht saurem Boden lebt.

Viele Orchiedeenarten bevorzugen gewissen Standort, nur weil dort ihre spezifischen Keimpilze gut existieren können.
Weniger gelobt ist genug kritisiert (frei nach Peter Altmaier)


Online Muralis

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Gemmas der Reihe nach durch: Die Wiese steht jetzt natürlich unter verschärfter Beobachtung unserer regionalen Forschungsgemeinschaft. Sie hat eindeutig Museumscharakter und beherbergt zahlreiche Kleinodien, sowohl aus floristischer wie auch faunistischer Sicht. Wir wollen alles daransetzen, dass diese Wiese in der jetzigen Form der Nachwelt erhalten bleibt.

Vertragsnaturschutz ist da ein schlechtes Instrument, denn nach 5 Jahren kann der Bauer sagen, ich mach jetzt was anderes. Und das ist ja auch der Grund, warum die Flächen sukzessive fast alle verschwunden sind.
Nur hoheitlicher Schutz kann das Problem lösen, etwas, was aber unsere Behörden mit allen Mitteln vermeiden wollen. Über unsere Behörden gäbe es trefflich zu schreiben, aber das machen wir jetzt in unserem 30-Jahre-Jubiläumsband...

Der Ziest ist ein "Heilziest", Betonica officinalis, ökologisch schwer einzuschätzen. Der kann überall wachsen, was er aber letztlich auch nicht tut. Aber in der Wiese wachsen tatsächlich Kalkzeiger, wie etwa auch Parnassia palustris. Aber es gibt neben Bürstling auch die ganze Palette der klassischen Bürstlingsrasenbewohner, wie etwa das Wald-Läusekraut, Arnika, Dreizahngras, diverse Seggen usw.
Tatsache ist, dass Epipactis palustris im weiteren Waldviertel fehlt, aber z.B. in den Nördlichen Kalkalpen an entsprechenden Standorten nicht selten ist.

Das Blaue auf dem Übersichtsbild (nur kleiner Ausschnitt aus der Wiese) ist der Teufelsabbiss Succisa pratensis, die weißen Doldenschirme gehören zum seltenen Preußischen Laserkraut Laserpitium prutenicum, einer in Österreich stark gefährdeten Art.

Generell kann man sagen, dass in der betreffenden Wiese für Waldviertler Verhältnisse relativ viele Orchideen wachsen, gesamt 7 Arten. Also Keimpilze gibt es definitiv, ob einen speziellen für die Sumpfwurz, das kann ich nicht sagen.


Online Berthold

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Nur zur Ergänzung:

Wir gehen davon aus, dass die meisten Orchideen auf unterschiedliche Keimpilze angewiesen sind.
Nur ganz weinge Arten besitzen so fette Embryonen, dass sie selbständig keimen können. Sie müssen zumindest so kräftige Sämlinge aus dem Embryo entwickeln können, dass sie selber Chlorophyll bilden können, das sie zur Synthese von Zucker und dann weiteren Kohlenhydraten brauchen.
Ohne Keimpilze benötigen sie zumindest Zucker zur Entwicklung. Aber freien Zucker gibt es in der Natur nicht, weil er sofort von Lebewesen verstoffwechselt wird.
Es gibt in der Natur saure Böden, salzige Böden, aber süsse Böden gibt es nicht.
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Online Muralis

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Ich war gestern in einem als Naturschutzgebiet geschützten Dolomitgraben in den Kalkvoralpen. Am Hangfuß der ericabestandenen Dolomithänge drückt es Wasser heraus, das sich im schmalen Talboden sammelt. Das ist die wahre Heimat von Epipactis palustris. Die Pflanzen sehen dort wesentlich mastiger und vitaler aus als im Bürstlingsrasen. Und zählen braucht man dort auch nicht, überhaupt sehr orchideenreich dort. Gymnadenien und Dactylorhiza wachsen zahlreich im Straßenbankett.

Gleich ein paar Meter oberhalb von palustris wächst im trockeneren, sonnenexponierten Dolomitgrus Epipactis atrorubens. Die abgebildeten Blüten gehören zu einer Monsterpflanze mit etwa 70cm Höhe.


Offline walter b.

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Wolfgang, warst Du da in den Ötschergräben oder in den Tormäuern?

Ich kenne so große E. atrorubens aus dem Hochschwab-Gebiet, wo sie an einer Stelle teilweise einen gefühlten Meter hoch werden. Auch sehr orchideenreich dort..


Online Muralis

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Weder noch, Walter. Es liegt in der Nähe von Lunz Richtung Bodingbach. Auch eins jener NSG, die die Nationalsozialisten um 1942 im Bezirk Scheibbs einfach so verordnet haben. Ausnahmsweise ein bleibendes Verdienst; die Republik hat diese NSG dann kurzerhand übernommen.

Heute wäre das nicht möglich, die ÖVP verhindert jede Art von Naturschutz im Interesse ihrer Bauern (bei denen wiederum die Bienen "in guter Hand" sind  :whistle) schon im Keim. Aber auch die anderen Parteien würden sich nicht trauen, gegen Eigentümerinteressen ein Naturschutzgebiet durchzusetzen.

So wurden über Jahrzehnte keine neuen Naturschutzgebiete mehr verordnet, erst als wir "wertlose" Gebiete ankauften, war es dann möglich, einige neue Naturschutzgebiete zu schaffen.

Das Lunzer NSG ist trotz der durchführenden Asfaltstraße landschaftlich interessant und beherbergt auf den Dolomithängen auch einige seltene Nordostalpenendemiten wie etwa das Anemonen-Schmuckblümchen oder Kerner's Lungenkraut. Wir hätten nach dem Blauschillernden Feuerfalter Ausschau gehalten, der seine Eier auf Schlangen-Knöterich ablegt, aber er kommt dort leider nicht vor (Eier und Raupen nicht gefunden). Aber vll. finde ich dort nächstes Jahr die seltene Heidehummel, die bevorzugt Schneeheide-Blüten besucht, und die Schneeheide kommt dort in Massen vor.


Offline walter b.

  • Beiträge: 6345
Interessant! Das kannte ich gar nicht, obwohl ich in der Gegend immer wieder Urlaub gemacht habe...